Betreuung | Archiv

Der Folter entkommen – in Sicherheit? [26.06.2009]
Pressekonferenz des „Netzwerks für interkulturelle Psychotherapie nach Extremtraumatisierung“ (NIPE) anlässlich des Internationalen Tages gegen Folter am 26. Juni ...
back   Übersicht Betreuung


Der Schutz für AsylwerberInnen in Österreich ist löchrig. Zunehmend gilt dies auch für Flüchtlinge, die Opfer von Folter und Gewalt waren. Zu diesem Ergebnis kommt das Netzwerk für interkulturelle Psychotherapie nach Extremtraumatisierung im Rahmen ihrer Pressekonferenz anlässlich Internationalen Tag gegen Folter am 26. Juni 2009.

Seit der letzten Gesetzesänderung hat sich die Situation im Zulassungsverfahren drastisch verschlechtert“ kritisiert Erwin Klasek vom Interkulturellen Psychotherapiezentrum Niederösterreich. „Österreich schiebt sogar schwer traumatisierte und minderjährige AsylwerberInnen im Rahmen des Dublin II Abkommens nach Polen und Griechenland ab, wobei allen Beteiligten völlig klar ist, dass sie dort nicht den notwendigen Schutz erhalten.“

Doris Rummel, Psychotherapeutin beim Verein Zebra, berichtet von einer Frau aus Tschetschenien, die seit Jänner 2007 in Österreich ist, in ihrer Heimat in Haft war und gefoltert wurde. In Österreich wurde die Frau mehrmals in Schubhaft genommen, ihr droht die Rückschiebung nach Polen. Derzeit lebt die schwangere Frau mit ihren Kindern in Wien in einem Kellerraum mit Kaltwasser ohne Dusche, hat kein Geld und keine Krankenversicherung.

Auch wer die Hürde im Zulassungsverfahren bewältigt hat, ist noch nicht in Sicherheit. Erlittene Folter ist keine Garantie dafür, Asyl zu erhalten. „Ein Problem ist, dass die MitarbeiterInnen des Bundesasylamtes Folteropfer oft nicht erkennen und Auswirkungen von Extremtraumatisierung nicht richtig einordnen können“ meint Heinz Fronek von der asylkoordination österreich. Asylverfahren von Gewalt- und Folterüberlebenden werden daher immer wieder negativ entschieden, in der Folge werden fremdenpolizeiliche Maßnahmen eingeleitet.

Friedrun Huemer, Psychotherapeutin bei Hemayat, gibt zu bedenken: „Zwangsmaßnahmen wie Haft oder gewaltsame Abschiebung sind eine schwere Verletzung der Autonomie und in diesem Punkt den erlebten traumatischen Situationen sehr ähnlich.“ Nicht nur die Tatsache, dass man selbst abgeschoben werden könnte, auch das Miterleben der Abschiebung macht Angst. Bei traumatisierten Menschen kann es dadurch zur „Retraumatisierung“ kommen.

Auch wenn der Staat die Aufgabe hat, ein geordnetes Fremdenwesen sicherzustellen, stellt sich doch die Frage nach der Angemessenheit des konkreten Vorgehens. Cornelia Seidl-Gevers vom Verein Aspis in Klagenfurt zeigt sich besorgt darüber, dass es zu einer Verschiebung des sozialen Maßstabes und zur Deklassierung von AsylwerberInnen gekommen ist: „ Die Art und Weise der Abschiebung, der Tonfall, die Richtlinien und Anforderungen etc. sind menschenverachtend!“

NIPE fordert Politik und Behörden auf, diesen beängstigenden Tendenzen entgegen zu treten und Maßnahmen zu treffen, die den Schutz traumatisierter AsylwerberInnen sicherstellen.


Mitglieder von NIPE – Netzwerk für interkulturelle Psychotherapie nach Extremtraumatisierung:

ASPIS – Forschungs- und Beratungszentrum für Opfer von Gewalt
ANKYRA Diakonie-Flüchtlingsdienst,
HEMAYAT – Verein zur Betreuung von Folter- und Kriegsüberlebenden
IPN Interkulturelles Psychotherapiezentrum Niederösterreich – Diakonie-Flüchtlingsdienst
Therapiezentrum OASIS – Volkshilfe Flüchtlings- und MigrantInnenbetreuung
ONEROS – Caritas Salzburg
OMEGA Gesundheitsstelle Graz
PSD Traiskirchen – Verein Menschen.Leben
ZEBRA – Interkulturelles Beratungs- und Therapiezentrum



AVISO 

Journal Panorama, Ö1: Österreich: kein sicherer Hafen für Folteropfer
Geplanter Sendetermin: 14.Juli 18:25 - 18:55



DOWNLOADS

Presseunterlagen

Pessereaktionen:
„Löchriger“ Schutz für Folter-Opfer, Online-Standard, 26. Juni 2009
Beitrag Ö1 Mittagsjournal vom 26. Juni 2009
Mitschnitt der Pressekonferenz auf www.o-ton.at
Gesamte Pressekonferenz als download auf dem cba: nipe pk: der folter entkommen - in sicherheit?