Home | Information | Presseaussendungen | Pressekonferenz 5 Jahre Taliban-Herrschaft

5 Jahre Taliban-Herrschaft in Afghanistan

Podiumsgäste der Pressekonferenz 5 Jahre Taliban.
Zum fünften Jahrestag der gewaltsamen Machtübernahme fordern Zivilgesellschaft, Diaspora und Diplomat:innen wie Manizha Bakhtari und Wolfgang Petritsch einen Stopp der schleichenden Anerkennung des Regimes.

Das Bündis fordert u.a.:
  • Keine Normalisierung der Talibanherrschaft
  • Geschlechterapartheid ächten & Taliban zur Rechenschaft ziehen
  • Zivilgesellschaftliche Organisationen und demokratische Kräfte fördern
  • Völkerrecht wahren und prinzipientreue Afghanistanpolitik
Die Pressekonferenz wurde von 11 Organisationen mit Unterstützung von VIDC und oiip organisiert.

Die vollständige Fassung der Pressemitteilung auf Deutsch finden Sie unten oder hier als pdf, weitere Fassungen gibt es auf Englisch, Farsi und Paschto. Weiterführende Infos zur Pressekonferenz sowie zur Arbeit der Solidaritätsgruppe Afghanistan finden Sie auf der Website afghanistan-blog.online.
Umrisse des Landes Afghanistan
Download Factsheet: Afghanische Diaspora in Österreich: Zwischen Schutz vor Verfolgung durch Taliban und Abschiebungsdebatte
 

Bündnis zivilgesellschaftlicher Organisationen lehnt Normalisierung der Taliban ab und fordert eine prinzipiengeleitete europäische Afghanistanpolitik


Wien, Österreich – 11.08.2026. Am fünften Jahrestag der gewaltsamen Machtübernahme
der Taliban in Afghanistan haben österreichische Zivilgesellschaftsorganisationen, darunter
die afghanische Diaspora, gemeinsam mit der afghanischen Botschafterin Manizha Bakhtari
und dem österreichischen Diplomaten Dr. Wolfgang Petritsch, Österreich und die
Europäische Union aufgefordert, eine prinzipiengeleitete, kohärente und langfristige
Afghanistan-Politik zu verfolgen.

Die Redner:innen warnten davor, dass die Ausweitung der sogenannten „technischen
Zusammenarbeit" mit den Taliban Gefahr läuft, die Taliban-Herrschaft politisch zu
legitimieren und de facto anzuerkennen. Österreich und die EU müssen den politischen
Druck auf das Regime erhöhen und sich an die Seite des afghanischen Volkes stellen
angesichts der intensivierten systematischen Menschenrechtsverletzungen, insbesondere
der Rechte der Frauen und Mädchen, anstatt Unterdrückung mit politischen und
diplomatischen Zugeständnissen zu belohnen.


Sicherheitsrisiken und Destabilisierung der Region


Die Allianz äußerte tiefe Besorgnis über die sich verschlechternde Sicherheitslage in
Afghanistan, die fortgesetzte Präsenz terroristischer und extremistischer Netzwerke unter der
Herrschaft der Taliban und zunehmende grenzüberschreitende Spannungen. Weiters birgt
der ideologische Export von Gewalt und Fundamentalismus ernsthafte Risiken für die
regionale Stabilität und letztlich für die europäische Sicherheit und untergräbt deren
strategische Interessen. Die Allianz forderte daher erhöhten politischen Druck, verstärkte
Unterstützung internationaler Rechenschaftsmechanismen und gezielte Sanktionen gegen
Taliban-Funktionäre, auch aufgrund der Gewährung von Zuflucht an terroristische
Organisationen.


Engagement ohne Normalisierung


Die Allianz begrüßte die humanitäre Hilfe der EU und betonte gleichzeitig, dass humanitäres
Engagement nicht zu politischer Normalisierung, Legitimierung oder Anerkennung der
Taliban-Herrschaft führen darf. Die EU und Österreich sollen ihre diplomatischen und
sonstigen Kapazitäten nutzen, um einen inklusiven, international unterstützten politischen
Prozess mit bedeutender Teilnahme afghanischer Frauen, der Zivilgesellschaft,
demokratischer und oppositioneller Kräfte, verschiedener Gemeinschaften, der Diaspora und
der jüngeren Generation zu unterstützen – ein Aufruf, der voll und ganz im Einklang mit den
Bestrebungen der Bevölkerung Afghanistans und der internationalen Gemeinschaft steht,
wie in den Resolutionen des UN-Sicherheitsrates zum Ausdruck kommt. Jegliches politische
und diplomatische Engagement sollte an nachprüfbare und substanzielle Verbesserungen
bei der Achtung der Menschenrechte und die ernstgemeinte Teilnahme der Taliban an einem
politischen Prozess geknüpft bleiben, der darauf abzielt, eine dauerhafte und friedliche
Lösung der vielfältigen Krisen Afghanistans zu finden.


Institutionalisierte Geschlechterapartheid


Die Allianz betonte, dass der systematische Ausschluss von Frauen und Mädchen sich zu
einem System der Geschlechterapartheid entwickelt hat. Das anhaltende Verbot des Rechts
von Mädchen und Frauen auf Bildung und Arbeit sowie andere schwerwiegende
Verletzungen ihrer Rechte, die den Zugang zu Sozial- und Gesundheitsdiensten
einschränken, verletzen nicht nur ihre Grundrechte, sondern berauben Afghanistan auch
einer ganzen Generation gebildeter Frauen und Fachkräfte in der gesamten Gesellschaft,
wobei das Gesundheitssystem ein besonders kritisches Beispiel darstellt, da keine neue
Generation weiblicher Gesundheitsfachkräfte angemessen ausgebildet werden kann. Zudem
untergraben die jüngsten rechtlichen und gerichtlichen Änderungen weiter den rechtlichen
Schutz und die Autonomie von Frauen, insbesondere ihre Fähigkeit, Zwangs- und
Kinderheiraten anzufechten. Diese Politik hat tiefgreifende Folgen für die physische und
geistige Gesundheit der Frauen und trägt zu erhöhten Gesundheitsrisiken und
Müttersterblichkeit bei. Neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass 82% der Frauen über
ein schlechtes oder sich verschlechterndes psychisches Wohlbefinden berichten. Dies ist
keine „vorübergehende" politische Entscheidung, sondern die systematische
Institutionalisierung einer Geschlechterapartheid mit schwerwiegenden und irreversiblen
intergenerationellen Schäden.


Stimmen der Bevölkerung Afghanistans und Flüchtlingsschutz


Das Bündnis wies die Vorstellung zurück, dass die Taliban als alleinige Vertreter
Afghanistans oder seines Volkes behandelt werden können. Es forderte Österreich und die
EU auf, das direkte Engagement mit der afghanischen Zivilgesellschaft, Frauen- und
Menschenrechtsorganisationen, demokratischen politischen Kräften und
Widerstandsgruppen, die für eine inklusive Zukunft arbeiten, zu stärken.
Die Allianz äußerte zudem ernsthafte Besorgnis über die zunehmend restriktiven
Flüchtlingspolitiken, die Auswirkungen auf Afghanen in Österreich und in ganz Europa
haben. Etwaige Rückführungen müssen mit dem Völkerrecht und dem Prinzip der
Nichtzurückweisung (Non-Refoulement) übereinstimmen. Die Allianz forderte erweiterte
humanitäre und Schutzwege, die Wiederaufnahme des österreichischen humanitären
Resettlementprogramms und ein Ende der Aussetzung der Familienzusammenführung,
insbesondere dort, wo afghanische Frauen und Familien überproportional betroffen sind.

Europäische Regierungen sollten zudem die Forderung der Taliban nach Übertragung
konsularischer Angelegenheiten an ihre Vertreter zurückweisen, da dies die Sicherheit der
Menschen aus Afghanistan untergraben würde, indem den Taliban Zugang zu ihren
persönlichen Daten gewährt wird. Zudem birgt dies die Gefahr einer Ausweitung der
Unterdrückung durch die Taliban innerhalb Europas.

Das Bündnis bekräftigte seine Solidarität mit der afghanischen Bevölkerung und forderte
Österreich und die EU auf, eine Politik zu verfolgen, die vom Völkerrecht, der
Menschenwürde, der Sicherheit und den legitimen Bestrebungen der Bevölkerung
Afghanistans geleitet ist.

Die Zukunft Afghanistans kann nicht durch die Normalisierung der Talibanherrschaft
gesichert werden. Sie erfordert einen glaubwürdigen, inklusiven und international
unterstützten politischen Prozess, der von der Bevölkerung Afghanistans selbst
geführt wird. Österreich ist als traditioneller Ort für internationalen Dialog, gewähltes
Mitglied des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen und Mitglied der Europäischen
Union einzigartig positioniert, um sich für einen solchen Prozess einzusetzen.

 
Mehr zum Thema

top
 
Laufzeit: 0.122... Sekunden!