UnterstützerInnen und PatInnen legen Entwurf für ein erweitertes Bleiberecht vor
Insbesondere im Jahr 2015 war die Zivilgesellschaft aufgerufen (u.a. Hotline für Privatunterkünfte), die für die Aufnahme, Versorgung und Integration von Flüchtlingen zuständigen Stellen zu unterstützen. Viele sind diesem Aufruf gefolgt und haben Flüchtlinge in ihre Familien aufgenommen oder eine enge Unterstützungsbeziehung aufgebaut.
UnterstützerInnen haben in den vergangenen Jahren und Monaten sehr viel Zeit, Geld und emotionale Zuwendung investiert, für Spracherwerb, Orientierung und Integration. Die Flüchtlinge von damals sind heute Lehrlinge, HTL-Schüler, sie finden sich in Österreich zurecht und sind zur Ruhe gekommen.
Negative Asylbescheide und drohende Abschiebungen stellen jetzt den Sinn all dieser Anstrengungen in Frage. Betroffen davon sind nicht nur die Flüchtlinge selbst sondern jetzt auch ihre österreichischen Wahlfamilien, die sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen können.
UnterstützerInnen wollen nicht hinnehmen, dass ihr Einsatz wertlos gewesen sein soll. Statt zu jammern haben sich über 100 von ihnen zusammengetan und treten nun mit einer Initiative an den Gesetzgeber heran. Ziel ist eine Änderung der bereits existierenden Bleiberechtsregelungen, die nun auch familienähnliche Bindungen berücksichtigen soll.
Der Entwurf dafür wurde mit Hilfe von ExpertInnen ausgearbeitet und wurde am 21. Februar 2018 bei einer Pressekonferenz im Presseclub Concordia präsentiert.

Patenschaftserklärung für in Familien aufgenommene Flüchtlinge


Texte und Zitate von UnterstützerInnen
Andrea Mayrwöger & Muji Muhseni
Muji hatte am 15. November 2017 sein „interview“ beim BFA und wartet seither auf einen Bescheid. Er geht seit September 2017 in die Fachschule der HTL Traun und ist dort Klassenbester.
Die Beziehung:
„Ich kenne Muji seit etwas mehr als zwei Jahren. Er ist ein Mitglied unserer Familie. Nicht nur der Kernfamilie, sondern auch der erweiterten Familie. Er ist seit Ende September 2015 in Österreich. Wir sind durch viele Tiefen gegangen (vor allem psychisch), aber natürlich haben uns die Höhen immer wieder mit Energie versorgt.“
Die Familie:
„Mein Sohn Jacob ist 10 Jahre alt, kennt Muji seit er 8 Jahre ist und für ihn ist klar: Muji ist sein Bruder, der jetzt zu unserer Familie gehört. Mein Mann Daniel ist 37 Jahre alt und er unterstützt mich in allen Belangen und für ihn ist auch klar, dass Muji zu uns gehört.“
Angst vor Verlust
Muji hat etwas sehr Bewegendes gesagt, als wir von unserem letzten Treffen in Wien nach Hause gefahren sind: Wir haben überlegt, wie wir anderen Menschen erklären könnten, was wir für einander bedeuten. Muji hat kurz überlegt und plötzlich gesagt: „Eigentlich muss ich nichts erklären, es ist ganz einfach: Ich würde ein zweites Mal meine Familie verlieren und das würde ich nicht schaffen.“
 
Uschi Spitzbart & Sahel Rustami
Sahel hat Aufenthaltsberechtigung Plus erhalten.
„Sahel und ich kennen uns seit 2015, seit 2016 wohnt er bei uns und ist zu einem vollwertigen Teil unserer Familie geworden. In dieser Zeit haben wir ein sehr enges Vertrauensverhältnis aufgebaut. Ich konnte die Entwicklung eines schmalen, von Ängsten geplagten 16jährigen Flüchtlingsbuben zu einem selbstbewussten jungen Mann und HTL-Schüler miterleben mit allen emotionalen Höhen und Tiefen.
Aus heutiger Sicht muss ich sagen, es wäre für uns alle unvorstellbar gewesen, wenn unser Patensohn weggeschickt worden wäre. Es hätte unsere Familie zerrissen, meine beiden Söhne und auch deren Freunde traumatisiert und meinen Mann und mich ziemlich verloren zurückgelassen. Für Sahel wäre es wohl ein freier Fall in Depression und Trauma gewesen.“
 
Walter Seierl
Weitere Flucht nach Frankreich
„Wollte nur berichten, unser Patenbursche A. hat sich vorige Woche entschlossen nach Paris auszureisen, wir konnten ihn nicht abhalten.
Er hat von Anwälten in Wien die Einschätzung bekommen, dass sein Ansuchen sicher negativ beschieden wird. Er wollte keinesfalls nach Kabul zurück. Die letzte Nachricht haben wir aus Paris wo er jetzt in einem Zelt schläft, ist schon alles ziemlich schlimm ...
Wir haben ihm ein bisschen Geld gegeben, aber das wird auch nicht mehr lange reichen.“

Gerlinde und Gerhard Buchberger
M. hat in erster Instanz einen negativen Bescheid die Beschwerde beim BVwG ist anhängig.
M. ist ein 20-jähriger Afghane aus Teheran, Vollwaise, sein Bruder hat in Österreich subsidiären Schutz.
Beziehung
M. wohnt nicht bei uns, sondern in einer Wohngemeinschaft gegenüber unserer Wohnung. Wir kennen ihn seit mehr als zwei Jahren. Er war Schüler in unseren ehrenamtlichen Deutschkursen und kam dann immer wieder mit Lern-oder sonstigen Problemen während seines Pflichtschulabschlusskurses, den er mit nur einem Gut und sonst lauter Sehr Gut absolviert hat. Auch die ÖSD-B2-Prüfung hat er mit Gut bestanden, einen C1-Kurs bereits absolviert und bereitet sich derzeit auf die Prüfung im Mai oder Juni vor.
M. kommt auch immer wieder privat zu uns, verbringt mit uns Freizeit (manchmal auch gemeinsam mit anderen). Wir nehmen ihn auf Wanderungen oder sonstige Events mit, feiern Geburtstag, Weihnachten etc.
Bereitschaft zur Aufnahme
„Falls alle Stricke reißen und auch die nächste Instanz am BVwG schiefgehen sollte, wären wir zu einer Patenschaft bereit, denn wir wollen unter allen Umständen verhindern, dass er nach Kabul abgeschoben wird. Er hat diverse ernste gesundheitliche Probleme, die hier behandelt werden. Aber in Kabul oder anderen Teilen Afghanistans, wo er nur als Kleinkind lebte, wäre er womöglich dem Tod geweiht.“
Die Zukunft
„Sein Traum wäre eine Wirtschaftsingenieurs-Ausbildung. Er hat sich am TGM (Abendschule) für Herbst angemeldet und hofft, aufgenommen zu werden.
Derzeit arbeitet er an zwei Tagen die Woche (Di und Mi) ehrenamtlich im Sozialladen des Roten Kreuzes in Baden jeweils fünf Stunden und versucht daneben, seine Deutsch-und Fachkenntnisse weiter zu vertiefen.“
 
Werner und Susi Müller & Emran
Seit drei Wochen hat Emran nun einen positiven Asylbescheid.
„Es ist ein Gefühl, ich kann es atmen.“
Emram findet viele Bilder, wenn er seine Geschichte beschreibt. „Die kurze, oder die lange?“, fragt er uns, als wir Tee einschenken. Die lange, und er beginnt zu erzählen. Sein Deutsch ist außerordentlich gut. B1 zu schaffen, hat ihm keine großen Schwierigkeiten gemacht.
Dass Emran Tanha Musafer erst 19 Jahre alt ist, sieht man ihm nicht an. „Vor allem innerlich fühle ich mich viel älter“, sagt er. „90% meiner Gefühle wurden in den letzten 3 Jahren getötet. Die restlichen 10% waren die einzige Hoffnung, die geblieben ist.“ Er erzählt von seiner Zeit in Afghanistan, dem Leben mit der Taliban und der Gefahr, die zu groß wurde. Als er 17 war, kamen sie ins Haus, verwüsteten es. Um seinen Vater, seine Familie zu schützen, nahm er körperliche Gewalt und Folter auf sich. „Das war das erste Mal. Innerlich ist etwas gestorben.“ Zwei weitere Male werden folgen. Die Details die er erzählt, klingen schrecklicher als jeder Film. „Weil es eine wahre Geschichte ist, ich habe sie gelebt.“, sagt er.
Is this the real life? Is this just fantasy?
Caught in a landslide, no escape from reality
Durch eine mehr als glückliche Fügung, gelingt es ihm, zu flüchten. Queen's Bohemian Rhapsody wird ihn begleiten, auch John Lennon's Imagine. In der Türkei lebt er auf der Straße inmitten der Kälte des Oktobers und mit nasser Kleidung am Körper. in Bulgarien ist er neuerlich Gewalt ausgesetzt. „Ich dachte, in Europa wäre ich sicher, doch dann hat mich auch hier die Hoffnung verlassen.“ Er zeigt Narben am Unterarm. „Ich habe lange nicht sprechen können, wenn mich am Telefon meine Mutter gefragt hat 'Wie geht es dir Sohn?'. Auch meine jüngeren Geschwister wissen nicht, was mir alles passiert ist.“
Als er am 12. Oktober 2015 in Österreich landet, waren seine Beine von der langen Reise schon ganz wund. Nach Traiskirchen kommt er im Stadion unter, nach zwei Monaten duscht er das erste Mal, stillt seinen enormen Hunger und fühlt sich nach so langer Zeit wieder wie ein Mensch. Er ist sicher hier. Er lernt Menschen kennen, die ihm helfen. „Susi und Werner sind meine Mum und mein Dad hier. Sie sind wie Engel nur ohne Flügel. Es ist unbeschreibbar.“ Sie fragen ihn, ob er hier bleiben will, unterstützen ihn bei Behördengängen. Er engagiert sich bei NGOs freiwillig im Bereich Menschen- und Frauenrechte, wird selbst zum Flüchtlingsbuddy. Er möchte helfen, Österreich hat ihm so viel gegeben. „Hier habe ich Freiheit gefunden.“ In Wien geht er das erste Mal ins Kino. „Für euch ist das Leben hier normal, für mich hat es einen Wert. Wien ist nicht nur eine Stadt. Es ist ein Gefühl, ich kann es atmen.“ Seine Familie hat er seit bald drei Jahren nicht gesehen. Seine Mutter ist unendlich froh, dass er am Leben und in Sicherheit ist. Seit drei Wochen hat Emran nun einen positiven Asylbescheid. In der WG Dilan war er der erste, der die Nachbetreuung nützen konnte. Mit Erfolg. Er lebt jetzt selbstständig in einer WG, hat die Studienberechtigungsprüfung für die WU erfolgreich bestanden. Im Sommersemester 2018 wird er zu studieren beginnen. Er lächelt stolz und weise. „Mit dem Lächeln verstecke ich manchmal noch etwas, aber die Therapie hat mir geholfen und dass ich es selber geschafft habe.“
Momentan macht er ein Praktikum und sucht eine Arbeit, um sich sein Studium zu finanzieren. „Ich hasse mein Bett, wenn es Tag ist.“ Ob er Träume hat? Ja, einmal selbstständig zu sein, eine Familie zu gründen, auch etwas für Flüchtlinge, Obdachlose oder alte Menschen zu machen. Er unterscheidet Träume und das, was nah real vorstellbar ist: „Früher dachte ich mir, dass man vom Morgen etwas erwarten kann. Jetzt weiß ich, nütze das Heute. So viel ist passiert, so viel. Davor war ich ein kleiner Bub in einem Dorf, der Geschwister hatte und eine Mama.“
Open your eyes,
Look up to the skies and see
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