Abschiebungen trotz Eskalation im Bürgerkrieg 
In Afghanisatn waren die letzten Wochen geprägt von beinahe täglichen Angriffen durch Taliban und Daesh (IS) auf zivile und militärische Ziele. Höhepunkte waren eine Attacke mit über einem Dutzend Raketen auf Kabul und zum ersten Mal seit Jahrem zwei Anschläge im fast ausschließlich von schiitischen Hazara besiedelten Bamyan. Außerdem wütet Covid-19 unter der verarmten und ausgelaugten Bevölkerung.

Trotzdem planen Schweden und Österreich für den 15. Dezember eine Charterabschiebung nach Kabul.

Wir organisieren Widerstand: Petition, Briefaktion und Demo (Wien, 10. Dezember, 16:30 bis 19 Uhr)    

Anschiebungen dank "Joint Way Frorward"
Anfang Oktober 2016 wurde zwischen der EU und der afghanischen Regierung ein Rückübernahmeabkommen geschlossen unter dem euphemistischen Titel: „Joint Way Forward on migration issues between Afghanistan and the EU“ (siehe pdf weiter unten). Dieses Abkommen erleichtert Abschiebungen nach Afghanistan und könnte in Zusammenhang mit vermehrten negativen Bescheiden in Zusammenhang stehen.
Während Österreich Sammelabschiebungen nach Afghanistan durchführt, hat sich die Sicherheitslage in dem seit fast 40 Jahren von Bürgerkriegen zerrissenen Land weiterhin dramatisch verschlechtert. 

Während österreichische Behörden regelmäßig Abschiebungen nach Afghanistan durchführen, spitzt sich die Lage in dem zentralasiatischen Land drastisch zu: Die Reduktion der in Afghanistan stationierten US-Truppen um etwa die Hälfte auf 8.600 Soldat*innen bis Juni 2020 hat Milizen wie die Taliban und Daesh/IS in eine unheilvolle Machtposition versetzt. Seit Herbst 2020, etwa zeitgleich mit dem Beginn der Friedensgespräche zwischen afghanischer Regierung und den Taliban im katarischen Doha, nahm eine Terroroffensive von dramatischem Ausmaß ihren Anfang. Vor allem betroffen ist das als sicher geltende Kabul – ein Ende ist nicht in Sicht.
 
Gezielte Tötung von Zivilist*innen, darunter viele Kinder
Laut der UNO-Mission in Afghanistan (UNAMA) verloren zwischen 1. Januar und 30. September 2020 2.117 Zivilist*innen ihre Leben bei Anschlägen und bewaffneten Auseinandersetzungen. Unter den Todesopfern waren 553 Kinder.
Nach der höchsten jemals gemessenen Dichte an zivilen Opfern zwischen Juli und September 2019 in Afghanistan, kann angesichts eines nur leichten Rückgangs der Opferzahlen im Vergleichszeitraum 2020 daher von Entspannung keine Rede sein.
Insbesondere da – wie eine Expertin des Afghanistan Analysts Network (AAN) konstatiert – die Reduktion der Opferzahlen bei näherem Hinsehen aus weniger verletzten Opfern nach Taliban-Angriffen resultiert. Die Zahl der Todesopfer durch Taliban-Angriffe ist dagegen im Jahr 2020 gemessen am Vorjahreszeitraum gestiegen.
Für die meisten zivilen Opfer zeichnen nach wie vor die Taliban verantwortlich (45 Prozent), sieben Prozent aller Angriffe reklamiert der Islamische Staat in der Provinz Korashan (ISKP), der in Afghanistan operierende Ableger des IS, für sich.
Afghanistan gehört nicht nur zu den Ländern mit den weltweit höchsten Kindersterblichkeitsraten durch kriegerische Handlungen, Kinder werden auch als Soldaten rekrutiert. Die Rekrutierung von Kindern durch bewaffnete Milizen in Afghanistan zeigt im Jahr 2020 einen drastischen Anstieg: In den ersten neun Monaten des Jahres wurden 155 Kinder bewaffnet in den Krieg geschickt. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 49.

Afghanische Geflüchtete in Österreich
Im  Jahr 2019 haben 2.979 Menschen aus Afghanistan in Österreich um Asyl angesucht. Afghanistan ist damit jetzt das Herkunftsland Nummer eins von Asylsuchenden in Österreich – noch vor Syrien. Im Jahr 2018 wurden noch mehr Asylanträge von Syrer*innen gestellt, Afghanistan lag als Herkunftsstaat auf Platz zwei. Nicht einmal die Hälfte der Asylanträge von Afghan*innen wurde im selben Jahr von österreichischen Asylbehörden positiv entschieden: Die Abschiebung von afghanischen Schutzsuchenden ist in Österreich gängige Praxis. In ihrem „Heimatland“, in dem viele nur wenige Jahre – manche auch nie – gelebt haben, droht den Abgeschobenen Verfolgung – und häufig der gewaltsame Tod. 

Laut des in Genf lehrenden italienischen Afghanistan-Spezialisten Alessandro Monsutti (der 2016 auch einen Vortrag am IWM in Wien gehalten hat)  sind es vor allem vier Gruppen, die in den vergangenen Jahren nach Europa geflüchtet sind.
Zuletzt war Monsutti im Novemeber 2020 wieder in Wien 


1. Unbegleitete Minderjährige und junge Erwachsene (viele Hazara, die Flüchtlinge im Iran oder Pakistan waren)

2.Erwachsene (Männer zwischen 20 und 35) aus dem Süden Afghanistans, wo der Konflikt zwischen Regierung und den Taliban besonders heftig tobt.

3. AfghanInnen, die für internationale Organisationen, NGOs oder Truppen gearbeitet haben.

4. Junge AfghanInnen, die durch ausländische Organisationen ausgebildet wurden und sich im heutigen konservativen Afghanistan fremd fühlen.

Dennoch sind die negativen Bescheide für schutzsuchende AfghanInnen in den letzten Monaten trotz der verschlechterten Sicherheitslage in Afghanistan angestiegen. Beinahe 20% der AfghanInnen droht nach einem negativen Bescheid auch in zweiter Instanz die Abschiebung in ihr „Heimatland“, in dem viele von ihnen nur wenige Jahre, manche auch nie gelebt haben.

ANSCHLÄGE 
Hier finden Sie Meldungen aus verschiedenen, in erster Linie europäischen und US-amerikanischen Medien, über Anschläge auf militärische und zivile Ziele in Afghanistan, aber auch Reportagen von JournalistInnen vor Ort.

Afghanische Medien
Im Folgenden finden Sie Links zu einigen afghanischen Nachrichtendiensten, die auch auf Englisch berichten.

TOLONews
Pajhwok Afghan News
Khaama Press
1 TV News
Ariana News

 
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