Diese
Berge sind ein kleines Stückchen Heimat...
Eine
Woche lang haben 151 junge Flüchtlinge und 34 österreichische
Jugendliche im Europacamp in Weißenbach am Attersee
gemeinsame Ferien verbracht – Wie? Das versucht
dieser Artikel zum umreißen...
erschienen in See you, Zeitschrift der Wiener
Jugendzentren 4/ 04

Jugendliche
aus 34 verschiedenen Nationen sind im oberösterreichischen
Dorf Weißenbach am Attersee zusammengekommen,
insgesamt 30 Mädchen und 156 Burschen.
Die Koordination der teilnehmenden Jugendlichen erfolgte
großteils über 16 verschiedenen Betreuungs-
und Unterbringungseinrichtungen aus ganz Österreich,
manche meldeten sich individuell an, weil sie von FreundInnen
vom Sommercamp im Vorjahr gehört hatten oder im
Internet auf dieses Angebot aufmerksam wurden.
Bei den 34 österreichischen Jugendlichen waren
ein Drittel (11) Mädchen, bei den Flüchtlingsjugendlichen
war das Geschlechterverhältnis mit 19 Mädchen,
also ein Achtel, ingesamt deutlich geringer. Dies erklärt
sich u.a. durch die geringe Zahl von Mädchen, die
allein auf der Flucht sind. Die österreichischen
Jugendlichen kamen in der Mehrzahl aus Wien und waren
zum Teil über die aks (Aktion kritischer SchülerInnen)
organisiert.
Bei
den jungen Flüchtlingen war die Gruppe der Staatsangehörigen
aus Nigeria mit 48 TeilnehmerInnen die größte,
die zweitgrößte stellte Afghanistan mit 22,
gefolgt von jeweils 9 aus der Mongolei und China, 6 aus
Moldawien, 5 aus Gambia, jeweils 4 aus Georgien und dem
Irak, 3 aus Guinea und Somalia, 2 aus dem Iran, Sudan,
Armenien, Elfenbeinküste, Russland, Vietnam, Kosovo,
Burundi, Serbien Montenegro, Türkei, Äthiopien,
und je 1 Person aus der Ukraine, Algerien, Kamerun, Syrien,
Sierra Leone, Pakistan, Indien, Senegal, Bosnien, Sri
Lanka und DR Kongo.
Die 19 BetreuerInnen kümmerten sich um die persönlichen
Bedürfnisse der Jugendlichen als auch um den Informationsfluss,
25 WorkshopleiterInnen boten insgesamt 16 Programmpunkte
an und 4 CamporganisatorInnen sorgten für den reibungslosen
Ablauf und die Koordination zwischen allen Teilnehmenden.
Nach einer Zug- und Busfahrt hieß es am Montag Nachmittag
für 230 Menschen: Willkommen am Europacamp! Bei der
Aufteilung der Schlafplätze wurden die BetreuerInnen
und CamporganisatorInnen gleich mit einer brisanten Thematik
konfrontiert: der Wunsch der Jugendlichen, nur mit anderen
aus ihrem Kulturkreis untergebracht zu werden, aber auch
den Vorurteilen der einzelnen ethnischen bzw. nationalen
Gruppen untereinander, die sich zusehr misstrauten, um
einen Bungalow mit gemeinsamen Schlüssel zu teilen.
Nach umfangreichen Rocharden hatten schließlich
alle ein Bett mit zumindest geduldeten ZimmerkollegInnen
Nach einer kurzen Einführung in die Campregeln (Respect,
no drugs!, ..) ging s gleich mit ausgelassener Stimmung
in der Disco los....
Workshops
Am nächsten Morgen die Qual der Wahl: Die zahlreichen
Workshops waren auf Plakaten beschrieben, die teilweise
zweisprachig angeschrieben waren, doch auch das führte
zu kurzfristiger Verwirrung: Was bedeutet wohl „Malen
und For-men“ und warum ist das nur für Burschen?
Dieses und andere Missverständnisse klärten
sich spätestens im Kontakt mit den WorkshopleiterInnen,
im ersten hineinschnuppern, Zuschauen im Vorbeigehen,
durch Erzählungen anderer oder bei den schönen,
lauten oder köstlichen Ergebnissen mancher Workshops.
Kreativität
Dem Ausleben in kreativer Hinsicht wurden viele Möglichkeiten
geboten: Malen auf Papier, T-Shirts oder Körpern
(Henna Tatoos), Papiermache formen, Freundschaftsbänder
knüpfen und vieles mehr. Dass die Jugendlichen gerade
eine intensive Phase des amourösen Gefühlserlebens
durchlaufen beweisen zahlreiche T Shirts mit Liebesbezeugungen,
mein persönliches Lieblingsspruch auf einem T Shirt
lautete: „Ich liebe Dich wie täglich Brot,
wie Wasser zum Trinken, wie Luft zum Atmen.“
Regenwetterprogramm
Das nicht mehr ganz so sommerliche Wetter hat manchmal
etwas die Stimmung gedrückt, doch die workshop LeiterInnen
zeigten sich äußerst kreativ und teilweise
sehr mutig, was das Regenwetterprogramm anbelangte: Gewandert
wurde trotzdem, gleichzeitig flimmerten im neueröffneten
Kino Filme wie „Ice Age“ oder „Fluch
der Karibik“, das Internet Cafe war ganztägig
geöffnet, workshops in geschlossenen Räumen
wie Radio, Musik oder Video boomten.
Der Renner des Regentags war ein Wettbewerb um den besten
„Eier-Flyer“. Die kleinen Gruppen stehen vor
folgender Aufgabenstellung: 15 Strohhalme, Tixo, ein Bogen
Seidenpapier, und ein Ei, welches den anschließenden
Flug aus dem ersten Stock der Jugendherberge überleben
sollte. Doch die unabhängige dreiköpfige Jury
bewertete auch nach Kriterien wie Design, Flugtauglichkeit,
und Präsentation. So bastelte H. gemeinsam mit seinem
Freund Z, wie er aus Afghanistan, einem Mädchen aus
Vorarlberg, einem Burschen aus Nigeria und einem jungen
Afghanen aus dem Burgenland, einen Flieger mit der Botschaft:
„Drop eggs, not bombs!“, doch leider: „Das
Ei war kaputt, aber wir haben trotzdem gewonnen, weil
der Flieger so schön war und es machte großen
Spaß“
Schwimmkurs
Der Wassersport ist leider etwas zu kurz gekommen –
zwei einzige wirkliche Sonnentage haben das Bedürfnis
der Jugendlichen nach Schwimmen lernen, ausgiebig baden
und am Strand liegen natürlich nicht ausreichend
stillen können und auch die Beach Party fiel ins
Wasser. Trotz des schlechten Wetters konnte an einem Tag
der Schwimmkurs stattfinden, den die österreichische
Wasserrettung, Ortsgruppe Unterach, angeboten hat.
Erlebnispädagogik mit jungen Flüchtlingen
Hoch über der Erde baumeln, auf unsicherem, wackeligem
Grund stehen - im Spiel wird erprobt, was im täglichen
Leben Realität für diese jungen Menschen ist.
Ungeklärter Aufenthaltsstatus, erzwungene Untätigkeit,
ausbildungsmäßige und berufliche Perspektivenlosigkeit.
Im Spiel können Grenzsituationen mit Distanz vom
Alltag erlebt und gemeinsam reflektiert werden.
Wenn sich das Wasser nicht zum Schwimmen eignet, kann
es immerhin noch befahren werden, wie der viermal abgehaltene
erlebnispädagogische Workshop Floßbauen zeigte.
Die Jugendlichen erhielten 16 Gummireifen, Holzstangen
und Seil, sowie Stoff für eine Fahne, um daraus ohne
Anleitung einen schwimmtüchtigen Untersatz zu bauen,
was in erfolgreicher Gruppenarbeit auch jedes Mal gelang.
Bei einer Ausfahrt fühlten sich die Jugendlichen
„wie die Piraten aus „Fluch der Karibik“
“ und lernten afghanische Lieder, die eine Gruppe
von chinesischen, armenischen und russischen Jugendlichen
gemeinsam auf hoher See anstimmte.
Ein weiterer „Abenteuer“ - Workshop erfreute
sich großer Beliebtheit: Eine Brücke über
den nahen Weißenbach bauen. Nach einigen Aufwärmspielchen
und gemeinsamen Seilkonstruktionen kann es losgehen: Der
erste Teil der Gruppe sucht einen geeigneten Baum, um
das Seil auf der anderen Seite des Bachs festzumachen.
Zwischen vielen Knoten und Versuchen entsteht langsam
eine tragfähige Brücke, an der alle mitarbeiten.
Kocholympiade
Das warme Mittag- und Abendessen begeisterte die Jugendlichen
nicht sonderlich, umso mehr Spaß hatten sie bei
der Herstellung von Speisen nach ihrem Geschmack, was
bei der Kocholympiade möglich war. Die Kochlöffel
wurden geschwungen, manchen Jugendlichen war anzumerken,
dass sie nicht das erste mal für eine größere
Gruppe Menschen kochte, andere versuchten dies das erste
mal. Gemeinsam war ihnen, dass sie aus den mitgebrachten
Zutaten und Gewürzen raffinierte Köstlichkeiten
zauberten, die an einem schön dekorierten Tisch gemeinsam
verkostet wurden und meist war es so viel, dass auch andere
dazu eingeladen wurden.
get in touch
Aufgrund der Erfahrungen des Vorjahres wurde dem Thema
Sexualität und Beziehung ein wichtiger Stellenwert
im Programm beigemessen, „get in touch“ hieß
der vielversprechende Workshop. Die Nachfrage nach diesem
Angebot war groß, es nahmen fast 30 Jugendliche
daran teil und tauschten sich über den Akt des Kennenlernens,
Rollenbilder, Verhaltensmuster, ... aus.
Das Lagerfeuer war an mehreren Abenden nicht nur wegen
des wärmenden Feuers ein beliebter Treffpunkt. Hier
haben sich die MusikerInnen versammelt, ebenso wie in
der Disco, wo abwechselnd Jugendliche die Musik auswählten
und die Rolle als DJs probierten und auch begeistert getanzt
wurde.
Wandern
Diese Berge sind ein kleines Stückchen Heimat und
beim Wandern wurde nach den vielen Aussagen der Jugendlichen
klar, welche Ähnlichkeit die Natur Oberösterreichs
mit dem Rest der Welt hat, denn viele Jugendliche erlebten
diese genauso wie jene in Afghanistan, Russland, China
und Somalia. Gerade im gemeinsamen Erleben und Erwandern
der Natur entstanden viele Gespräche, die im hektischen
Lagerleben so nicht möglich gewesen wären. Die
Routen führten zu den Nixenfällen, auf den Schoberstein
und auf weitere Wanderwege der Umgebung.
Internet-Café
Im Internet-Café war immer viel los, was auch mit
dem einzigen Fernseher und den olympischen Spielen zusammenhing.
Die Computer waren immer von mehreren gleichzeitig besetzt
und die Dringlichkeit und Intensität der Nutzung
musste schließlich mittels Namensliste für
den halbstündigen Gebrauch koordiniert werden. Geboten
wurde, was sich die Jugendlichen wünschten, also
vom Herunterladen und Brennen eigener Fotos, über
das Bearbeiten des selbstgemachten Portraitfotos für
die neue Chatbekanntschaft, Surftipps bis zu eigenen Websites.
In zwei Nachmittagen entstand eine Fotostory, das einfühlsame
Portrait eines Alkoholikers, der schließlich durch
die Liebe zu einer Frau die Lösung seines Problems
findet. Die ersten Fotos waren schon während des
Camps online und wurden im Internetcafe angeschaut. Schau,
da bin ich im Internet, cool!
Doch nicht für alle: Besondere Sensibilität
wurde aufgewandt, um den Jugendlichen die Möglichkeit
zu geben, Einspruch gegen die Veröffentlichung ihrer
Bilder zu erheben, sei es, weil sie sich nicht gefallen
oder weil sie Angst davor haben. Ein Mädchen, das
noch tief verschleiert angekommen war und diesen zumindest
fürs Camp gern ablegte, aber ohne keinesfalls im
Internet gefunden werden will flüstert mir zur Verdeutlichung
ihres Anliegens zu: Wirklich alle Bilder von mir weg,
sonst bin ich tot.
„Orchestra recycled“ zeigte,
wie aus „Mist“ Musikinstrumente entstehen.
Phantasievolle Instrumente werden begonnen und teilweise
fertiggestellt, um sie am Camp zu spielen. Die Präsentation
des Orchesters am letzten Abend war sehr bunt, rythmisch
und begeisterte die ZuhörerInnen.
Am selben Abend wurden neben einer Diashow auch die Ergebnisse
des Musikworkshops gezeigt – drei Jugendliche präsentierten
live ihre selbstkomponierten und gestalteten Tracks, und
sangen anschließend den Campsong. Die Radiosendung,
die am Camp produziert wurde, war nicht nur hier, sondern
auch auf Radio Afrique (Radio Orange) und auf ORF MW 14,75
zu hören. Weiters waren die drei Videos zu sehen,
die Interviews mit den TeilnehmerInnen des Camps zeigten
oder kids, die im MTV style durchs Camp führten,
yeah man!
Der selbstkomponierte Lagersong “Let there
be peace in … “ mit einer Aufzählung
aller Herkunftsländer zeigt die Gemeinsamkeit der
Jugendlichen auf, ihre Erfahrung, allein aus einem Land
geflohen zu sein, in dem sie nicht mehr in Sicherheit
leben konnten und für das sie sich Frieden wünschen.
Ihre Gedanken sind bei ihren Familien und FreundInnen,
die weiterhin dort leben, während diese sie sich
in Österreich in Sicherheit glauben.
Kurzes Resume
Eine Woche Urlaub kann über die fehlende staatliche
Versorgung und Betreuung dieser jungen Menschen nicht
hinwegtäuschen, und doch war sie eine „bunter
Woche“ im oft grauen und tristen Alltag eines Lebens
im Flüchtlingslager. Auf dem Sommercamp konnten sie
eine Woche jugendlich sein, sich mit anderen Jugendlichen
austauschen, und durch den positiv erlebten Alltag zumindest
kurzfristig die sonstigen Probleme vergessen. Sie wurden
als Individuen mit Wünschen und Bedürfnissen
wahrgenommen, ihre Interessen und Fähigkeiten wurden
gestärkt, was sich hoffentlich auch längerfristig
positiv auf ihr Selbstbewusstsein auswirkt, denn das werden
sie zum Überleben in Österreich brauchen.
Bei dem großen Angebot an Workshops war für
jede/n etwas dabei – soweit jedenfalls das bisherige
positive Feedback von den Jugendlichen, nur das Wetter
und das Essen sollten besser sein. Aus vielen Gesprächen
mit Jugendlichen, Workshop-LeiterInnen und BetreuerInnen
ziehen die OrganisatorInnen den Schluss, dass das Camp
ein Erfolg war, allen gut getan hat und auch interessante
Kontakte entstanden sind. Einige österreichische
Jugendliche und junge Flüchtlinge haben Adressen
ausgetauscht – auch ein Ziel des Projektes „Sommercamp“.
Wie die Reflexion der WorkshopleiterInnen und BetreuerInnen
möchte ich diesen Artikel mit einem kongolesisches
Sprichwort ausklingen lassen:“ Il n´y a pas
deux, sont trois!“, also alle guten Dinge sind drei,
und so hoffen wir alle auf ein Sommercamp 2005!
Artikel von Mag.a Irene Messinger, Internetcafe am Sommercamp
und Campdokumentation, freie Mitarbeiterin der Deserteurs-
und Flüchtlingsberatung (www.deserteursberatung.at)
sowie der asylkoordination österreich (www.asyl.at),
spezialisiert auf den Bereich UMF (www.asyl.at/umf)
Für diesen Artikel wurden Telefoninterviews mit je
einem Jugendlichen aus Afghanistan und Nigeria gemacht.